Blick über den Tellerrand

In Bremen fehlen immer noch mehrere Hundert Kita-Plätze. Viele Eltern sind in einer verzweifelten Lage. Viele Kitas klagen über steigende Anforderungen und fehlende Fachkräfte. Ist die Situation Bremens einzigartig? Das Deutsche Jugendinstitut (DJI )wirft unter dem Titel „Kita-Ausbau in Deutschland: erstaunliche Erfolge, beträchtliche Herausforderungen“ einen Blick auf die bundesrepublikanische Lage und formuliert 10 Thesen. Diese möchten wir Euch im Folgenden zusammengefasst vorstellen:

Man könnte beinahe sagen, das Segment Kindertagesbetreuung ist auf dem Arbeitsmarkt ein „Job-Motor“. Die Zahl der Beschäftigten in Kitas stieg in 10 Jahren um fast ein Drittel auf 770.000 Beschäftigte im Frühjahr 2018. Und der Anstieg setzt sich fort.

Erreicht wurde gleichzeitig das Ziel, Müttern mit kleinen Kindern die Erwerbstätigkeit zu erleichtern. So waren im Jahr 2016 ca. 260.000 mehr Mütter von Kindern im

Alter von einem bis unter sechs Jahren erwerbstätig als im Vergleichsjahr 2008.

Der Ausbau an Kita-Plätzen ist Voraussetzung für diese Entwicklung. Und er hat auch zu einem Bedeutungswandel beigetragen. Im Sprachgebrauch merken wir das daran, dass das Wort „Kindergarten“ allmählich von dem Begriff „Kita“ abgelöst wird, denn es geht nicht mehr allein um die Förderung der 3-6 Jährigen, sondern um Betreuungsangebote vom ersten Lebensjahr an.

Zwei Bundesgesetze haben den enormen U3-Ausbau angeschoben: das Tagesbetreuungsausbaugesetz (TAG) von 2004 und das Kinderförderungsgesetz (KiföG) von 2008. Inzwischen werden bundesweit mehr als die Hälfte aller Zweijährigen in einer Kita oder in Tagespflege betreut.

Nachdem in der 1990er Jahren der Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz ab dem vollendeten 3. Lebensjahr und nach dem „PISA-Schock 2001“ auch der Rechtsanspruch ab dem ersten Lebensjahr auf den Weg gebracht wurde, stieg auch der Stellenwert des frühen und eigenständigen Bildungsortes für Kinder. Bildungs- und Erziehungspläne wurden inzwischen in allen Bundesländern festgeschrieben.

Behaupten konnte sich bislang die Frühe Bildung mit einem familiennahen, lebensweltlichen Bildungskonzept, das andere Schwerpunkte setzt als die (Grund-)Schule. Gleichzeitig übernimmt sie als erster institutioneller Bildungsort eine Rolle, die früher der Grundschule zukam.

Die höhere Anerkennung der Kita ist allerdings auch mit Herausforderungen verbunden: eine bessere Integration von Kindern aus anderen Ländern, eine Kompensation von Sprachdefiziten und eine Abfederung der sozialen Spaltung wird erwartet. Doch eine Bildungsgerechtigkeit wird nicht erreicht. Die Inanspruchnahme eines Kita-Platzes liegt bei bildungsnahen Familien fast doppelt so hoch im Vergleich zu bildungsfernen Familien.

In dem Gerangel um die knappen Plätze ziehen bildungsferne Familien den Kürzeren. Das ist eindeutig eine Aufgabe der Politik: bis zum Jahre 2025 werden bundesweit weitere 740.000 Plätze für Kinder bis zur Einschulung benötigt.

Die damit verbundenen finanziellen Herausforderungen brauchen die Unterstützung des Bundes. Das „Gute-Kita-Gesetz“ mit einem Fördervolumen in Höhe von 5,5 Milliarden Euro bis zum Jahr 2022 ist ein hoffnungsfroher Anfang.