Chancengleichheit in der Kita

In der Kita sollen die Kinder zu ihrem Recht kommen. Das ist unser Anspruch. Doch wie vielfältig müssen wir dieses Ziel betrachten, wenn wir es in der täglichen Arbeit umsetzen wollen? Welche Impulse soll die Kita geben, damit sich das einzelne Kind weiterentwickeln und bilden kann? Kinder bilden ihr Weltwissen besonders in der Kita aus, durch ihr Zusammenspiel mit anderen Kindern, durch ihre Beobachtungen im Zusammenhang mit anderen Eltern, die ihre Kinder bringen und abholen (welche Abschieds- und Begrüßungsrituale gibt es, welcher Umgangston herrscht vor, wie wird das Kind abgeholt und von wem …?). Und natürlich erweitern sie ihr Weltwissen im Spiel (Materialien ausprobieren, Rollen erproben,…) und durch die Lernimpulse der Fachkräfte. Doch ein Kind kommt nicht als leeres Gefäß, sondern angefüllt mit frühen familiären Erfahrungen, einer (sich vielleicht von der Umgebungssprache unterscheidenden) Muttersprache und Eigenheiten der Familienkultur (individuelle Rituale, religiöse Erfahrungen, dem Bild vom Kind, welches die Eltern haben,…) – all das und noch mehr hat bisher die Identität des Kindes ausgeprägt.

Der Übergang von der Familie in die Kita eröffnet dem einzelnen Kind (noch mehr) eine Welt der Unterschiede. „Die Identität von Kindern darf nicht durch bestehende Unterschiede in Herkunft, Sprache oder Religion beschädigt werden.“1 [S. 31] In dem hier zitierten Buch von Fischer und Fröhlich-Gildehoff  heißt es weiter: „Klaffen Kita-Kultur und Familienkultur darüber hinaus zu weit auseinander, kann sich nur schwer ein Zugehörigkeitsgefühl zur Kita-Gemeinschaft und damit eine positive Lernvoraussetzung entwickeln.“ [S. 33]. Um allen Kindern in der Gruppe Sicherheit und Geborgenheit zu vermitteln, bildet das Wissen pädagogischer Fachkräfte beispielsweise über familienkulturelle Besonderheiten, auch der Motive von Migration (ist eine Familien freiwillig eingewandert oder musste sie wegen Krieg und Verfolgung aus ihrem Heimatland fliehen) oder Vorerfahrungen mit Bildungseinrichtungen eine wichtige Basis. Die Autor*innen des Buches sind der Meinung, Fachkräfte in frühkindlichen Bildungseinrichtungen „… benötigen ein Kompetenzprofil, das explizit an Fragen zur Gestaltung kultursensibler, diversitätsbewusster, antidiskriminierender Interaktionen und eines anerkennenden Sozial- und förderlichen Sprachklimas in der Kindertageseinrichtung ausgerichtet ist.“ [S. 33] Das sind GROSSE ANFORDERUNGEN. Leider können wir nicht sagen, das brauchen nur die Fachkräfte, die in sozialen Brennpunkten arbeiten, denn eine gesellschaftliche Haltung bildet sich in allen Schichten und allen Stadtteilen aus. Deutschlandweit betrachtet können wir sogar feststellen, dass Bundesländer mit geringstem Ausländeranteil den größten demokratischen Rückschritt vollziehen. Vielfalt, Toleranz und Gerechtigkeit stehen auf dem Spiel.

Die Autor*innen weisen auf Befragungen hin, wonach sich pädagogische Fachkräfte im Umgang mit einer kulturell vielfältigen Elternschaft nicht handlungskompetent genug und überfordert fühlen [S. 34]. Auch wenn sie sich mit dieser Aussage bestimmt nicht auf Bremen bezogen haben, möchten wir alle Fachkräfte, egal in welchem Stadtteil sie tätig sind, ermutigen, Fortbildungsangebote – wie zum Beispiel aus den trägerübergreifenden Seminaren zu diesem Themenkomplex zu belegen. Unsere Beratungsstelle wird im Herbst ein Tagesseminar zum Thema Vielfalt in der Kindergruppe durchführen (voraussichtlich am 25.10.2019). Wir freuen uns auf Eure Anmeldungen.

 

 

1 Fischer & Fröhlich-Gildhoff: Chancen-gleich. Kulturelle Vielfalt als Ressource in frühkindlichen Bildungsprozessen. Kohlhammer Verlag, Stuttgart 2019 .