Kinderschutzforum

Vom 19. – 21. September fand in Münster das 12. Kinderschutzforum statt. Aus einer unglaublichen Fülle an Vorträgen und Workshops konnten die 450 Teilnehmenden wählen. Selten habe ich eine so hohe Dichte an hochinteressanten und aufrüttelnden Vorträgen gehört wie in diesen Tagen. Ich möchte hier gerne die wesentlichen Gedanken aus dem Eröffnungsvortrag, sowie die Kernpunkte aus zwei weiteren Vorträgen näher erläutern.

Wichtig für Kinder von heute ist es, noch unmittelbare Erfahrungen machen zu dürfen, unbeobachtet sein zu können und auch in Ruhe scheitern zu dürfen, um danach einen Neustart zu versuchen. Wichtig für Erwachsene im Umgang mit Kindern ist heute, sich einen kindlich neugierigen Blick zu bewahren, ohne die Anmaßung, dass wir Erwachsenen besser wüssten, was gut für die Kinder ist, ohne ständig mit anderen zu vergleichen und das Verhalten und Können zu bewerten. Vielmehr braucht es einen liebevollen fachlichen Blick auf die Kinder; es geht um ein Miteinander aller, um echtes Zuhören und um Partizipation bei und Transparenz der Entscheidungen.

So wie es viele verschiedene Sprachen oder Länder auf der Welt gibt, gibt es auch viele verschiedene Kulturen – und die Grenzen von Ländern, Sprachen oder Kulturen verlaufen nur selten parallel. Eine gemeinsame Sprache erleichtert die Kommunikation, eine gemeinsame Kultur die Verständigung auf anderer Ebene: sie ist ein Orientierungsplan für das Leben. Und mit der Geburt beginnt die Sozialisation in eine bestimmte Kultur hinein, egal wie präsent und bewusst sie den Menschen ist. Es gibt viele Menschen, die sich verschiedenen Kulturen, Ländern oder Sprachen bewegen, bei Ländern ist es offensichtlich, wo man sich befindet, bei Sprachen hörbar, bei der Kultur nur individuell und subjektiv spürbar. Die kulturelle Identität einer Person kann mit einer Brille verglichen werde:  Habe ich mehrere, besitze ich sozusagen verschieden farbige Brillen. Die Welt sieht jedes Mal anders aus und wenn ich eine Farbe nicht kenne, verstehe ich mein Gegenüber im Zweifelsfall nicht. Nachfragen und Transparenz, Offenheit und nicht gleich persönlich nehmen sind Mittel, die im Alltag zur Verständigung helfen können. Doch auch eine Sensibilität dafür, wann ich auf ein „anders“ reagiere, ob sich jemand fremd fühlt, oder ob er von Menschen fremd gemacht wird.

In einem weiteren Vortrag ging es um das Kindeswohl zwischen Justiz und Jugendhilfe, besonders interessant fand ich die Frage, wie eine Kindeswohlgefährdung rechtlich einzuordnen ist. Denn: Kindeswohlgefährdung ist kein Sachverhalt, sondern eine Hypothese über ein Konstrukt, was in Zukunft wahrscheinlich passieren wird. Es wird also aus der Interpretation des jetzigen Sachverhaltes eine Rechtsfolge abgeleitet. Man kann sich das vorstellen, als eine Skala. Auf der einen Seite besteht keine Kindeswohlgefährdung, alles ist gut und grün eingefärbt. Am anderen Ende der Skala, die rot eingefärbt ist, besteht eine akute Kindeswohlgefährdung. Irgendwo dazwischen ist die Schwelle zur Gefährdung, sie ist nicht objektiv benennbar und somit Aushandlungssache. Sich dessen bewusst zu sein und sich diese Schwierigkeit immer wieder bewusst zu machen ist wichtig, damit wir nicht einer Illusion der Sicherheit erliegen, die es in diesem Bereich nicht geben kann. Und auch wenn eine Kindeswohlgefährdung festgestellt wurde, vom Gericht aber zunächst Auflagen bzw. Gebote erteilt werden, ist das im Prinzip widersprüchlich, da ja eine Gefährdung vorliegt, diese aber zunächst nicht von außen behoben wird, es bleibt eine vage Unsicherheit, auch wenn außer Frage steht, dass ein Eingreifen von außen so spät wie möglich erfolgen sollte. Doch auch dies ist wieder Aushandlungssache. Es bleibt also immer ein Rest Unsicherheit, der durch nichts beseitigt werden kann. (Bericht: Wibke Hansen)